Ein Besuch in Wien – der 8. Österreichische Tierrechtskongress

In den letzten Minuten ziehen Einzelne ergriffen die Nase hoch. Es folgen Applaus und Stühlerücken. Unter den aufstehenden, nun ehemaligen Sitznachbar:innen nimmt Gesprächsgemurmel Fahrt auf. In der Reihe hinter mir sagt eine Person zu einer anderen: „Gut, dass er keine Hörbücher aufnimmt.“

Mit „er“ ist Dr. Martin Balluch gemeint, Obmann des österreichischen Vereins gegen Tierfabriken e.V. (VGT), der gerade seine Rede zum Abschluss des 8. Österreichischen Tierrechtskongress in Wien beendet hatte.

Was bisher geschah …

Nachdem der für das Jahr 2020 angesetzte 8. Tierrechtskongress verschoben wurde (Sie wissen schon, warum), fand die Phase der Vorfreude in diesem Oktober ihren Höhepunkt. Rund 50 Vortragende referierten vor etwa 250 Teilnehmenden – in Fleisch und Blut (ja, war trotzdem vegan) – vom 20. bis 23. Oktober 2022.

Der VGT hatte „dreieinhalb Tage mit spannenden Vorträgen, Workshops und Diskussionen“; darüber hinaus „die Gelegenheit, sich auszutauschen und wertvolle Zeit miteinander zu verbringen“, versprochen. Ich konnte an drei von diesen dreieinhalb Tagen Kongressluft atmen und resümiere: Das Versprechen wurde gehalten.

Es überraschte mich nicht, dass die Vorträge spannend waren. Vortragende waren unter anderem unsere Tierrechtsblog-Autor:innen Dr. Simone Horstmann (Postdoc im Bereich der katholischen Theologie an der TU Darmstadt) sowie Rechtsanwalt Ralf Müller-Amenitsch (Spezialist für „veganes Recht“).

Da sich der Kongress thematisch auf politikwissenschaftliche Entwicklungen in der Mensch-Tier-Beziehung konzentrierte, waren zudem die Auftritte zweier Gäste naheliegend: Prof. Dr. Bernd Ladwig (Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Freien Universität Berlin) und Prof. Dr. Peter Niesen (Professor für Politische Theorie an der Universität Hamburg) referierten über verschiedene Ansätze einer Tierbürgerschaft – wie bereits bei PETAs 4. Tierrechtskonferenz im vergangenen Jahr, die die Inklusion von Tieren als politische Akteure in der Gesellschaft behandelte.

Bester Vortrag?

Einen einzelnen Vortrag aufgrund seines innovativen Gehaltes, seiner Nützlichkeit oder Qualität hervorzuheben, wäre schon deshalb unfair, weil in jedem Zeitpanel drei Vorträge zeitgleich stattfanden und man nur mit einem magischen Zeitumkehrer alle Vorträge hätte besuchen und würdigen können.

Überraschend – und damit ausnahmsweise hervorgehoben zu erwähnen – war das Fazit der ukrainischen Tierrechtsaktivistin Tamara Human. Sie berichtete zum Stand des Tierrechtsaktivismus in der Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskrieges. Man hätte meinen können, Aktivismus sei wegen akuter Aussichtslosigkeit auf Eis gelegt worden, da es Konzepte rund um den veganen Lebensstil in der Ukraine schon vor Kriegsbeginn schwer hatten: Vegan lebende Menschen waren in der Ukraine – wie vielerorts – ein beliebtes Ziel hämischer Kommentare und Inbegriff für emotionale sowie körperliche Schwäche. Nun scheinen jener Spott und jene Vorurteile in der Ukraine jedoch mehr denn je der Vergangenheit anzugehören.

Zum einen stellten viele Ukrainer:innen fest, dass es auch ukrainische Veganer:innen sind, die für sie und ihr Volk an den vordersten Fronten kämpfen.

Und zum anderen machten sie die berührende Erfahrung, welch starker Zusammenhalt innerhalb der veganen Community herrscht und dass ihre gepredigte Empathie auch eine gelebte ist: Denn Tamara Humans Organisation Every Animal versorgt vegan lebende Soldat:innen mit veganen Essenspaketen. Die innerhalb der Truppen verteilten Paketinhalte stoßen dabei nicht nur auf das Interesse und die geschmackliche Zustimmung der daran teilhabenden (noch) omnivor lebenden Soldat:innen. Auch die Unterstützung, die ihre vegan lebenden Mitstreiter:innen und sie selbst durch die vegane Community erfahren, bewegt sie.

Bewegung!

Sicher handelte es sich nicht bei jedem vorgestellten Konzept um eine Weiche, die auf ein Gleis, das in eine Welt, die gänzlich frei von Tiernutzung, Tierquälerei und Tiermissbrauch ist, führt.

Viel wichtiger ist aber der positive Nachhall, den der Kongress hinterließ: Es geht mit der besseren Welt für Tiere voran und nicht zurück. Institutionen infrage zu stellen, neue Konzepte, Ideen und Gedanken zu sammeln, sich über sie auszutauschen und sich gegenseitig Mut für die nächsten Schritte zuzureden – wie auf dem Tierrechtskongress geschehen –, drücken genau die Geisteshaltung aus, derer es in dieser Welt dringend bedarf. Einer Welt, in der es eine der größten Hürden der Tierrechtsbewegung ist, dass die meisten Menschen nicht in der Lage sind, veraltete Strukturen und Denkmuster zu erkennen. (En garde, menschliche Behäbigkeit!)

Und was war das mit dem „ergriffen die Nase hochziehen“?

In seiner eingangs erwähnten Abschlussrede befasste sich Dr. Martin Balluch mit der Frage, ob das alles sinnvoll war – die Tierrechtsarbeit der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte.

Nach einem historischen Abriss berichtete er davon, wie er kurz vor dem Kongress einige Tage in einer Schlachtanlage für Schweine zugebracht und was er dort gesehen hatte. Seine Erzählweise beschwor jene quälenden Bilder in den Köpfen von uns Zuhörenden hervor, die wir alle bereits gesehen hatten und die in vielen Fällen der Auslöser waren, sich der Tierrechtsbewegung anzuschließen. Bilder, die trotz eingeübter Schutzmechanismen immer noch zur Folge haben, dass sowohl Weltschmerz als auch Trauer um das betroffene Individuum aufflammen – und man eben hörbar mit den Tränen zu kämpfen hat.

Dr. Balluchs Fazit zu dieser apokalyptischen und dennoch realen Szene war, dass ein Großteil der Menschen heutzutage entsetzt wäre, hätte er das beschriebene Grauen gesehen. Anekdotisch erzählte er von seinem Vater und Großvater, Generationen, bei denen Hausschlachtungen noch weit verbreitet waren. Wir lebten in Beziehung auf den Tierschutz in einer vollkommen anderen Zeit.

Zwar nichts Neues…

Das sind für sich keine neuen Erkenntnisse. Aber setzt man diese Feststellung hinter die Frage, ob die bisher geleistete Tierrechtsarbeit sinnvoll war, kann man wohl konstatieren, dass sie zumindest nicht sinnlos war.

Ich stimme Dr. Balluch in diesem Resümee zu und finde, dass sich die Gesellschaft ein Stück weit bewegt hat – also von alten Denkmustern gelöst hat, vielleicht ohne dass es ihr selbst aufgefallen ist. Jetzt muss sie sich „nur“ noch darüber bewusst werden, warum sie das getan hat und dieses „Warum“ weiterdenken. Ab da ist der Weg nicht mehr weit, den einzig logischen Schluss zu ziehen und zu verstehen, dass kein Tier dazu da ist, dass wir an ihm experimentieren, es essen, es anziehen, es uns unterhält oder wir es anderweitig ausbeuten.

Und vielleicht wäre ein Hörbuch doch keine so schlechte Idee. Ich bin sicher, dass sich auch Noch-nicht-Tierrechtler:innen bereits beim Hören bewegt fühlen und anfangen würden, manche Institutionen und Denkmuster zu hinterfragen.

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ist seit April 2020 Justiziarin im PETA-Rechtsteam in Berlin. Sie befasst sich vorwiegend mit Fragen und Fällen des Allgemeinen Tierschutzrechts, des Tierschutzstrafrechts und des Medienrechts.