Rehkitz-Rettung: Neue Drohnenregeln und ihre Folgen

Jedes Jahr müssen Landwirt:innen für die Ernte ausgedehnte Flächen mähen. Dabei werden teils sehr große Mähmaschinen eingesetzt, die das Gras schnell und effizient schneiden sollen. Doch diese Maschinen stellen eine erhebliche Bedrohung für die Tierwelt dar. Insbesondere für Rehkitze, die sich gerne im hohen Gras der zu beerntenden Felder verstecken. Bleibt ein Rehkitz unbemerkt, kommt es zu tragischen Unfällen. Rehkinder, die nicht vor den scharfen Messern der Maschinen fliehen, werden aufgeschlitzt, verstümmelt oder regelrecht zerhackt. Es dauert oft Stunden, bis die verletzten Tiere ihren schweren Verletzungen erlegen.

Warum fliehen Rehkitze nicht?

Mütter von Rehkitzen suchen für ihre Jungen ein sicheres Versteck und kommen in regelmäßigen Abständen zurück, um sie zu säugen. So passiert es oft, dass sie glauben, ein solches Versteck in den dichten Wiesen landwirtschaftlicher Flächen gefunden zu haben, da sie dort im hohen Gras gut vor Fressfeinden geschützt scheinen. Das Verheerende ist jedoch: Wenn Gefahr droht, hören die Kitze regelmäßig auf ihren sogenannten Drückinstinkt und bleiben einfach reglos auf dem Boden liegen, anstatt zu fliehen. Diese Methode hat sich als wirksam im Schutz vor Beutegreifern erwiesen; jedoch werden in der heutigen intensiven Landwirtschaft die vermeintlich sicheren Verstecke für die jungen Tiere zu einer tödlichen Falle.

Schätzungen zufolge werden jährlich landesweit etwa eine halbe Million Wildtiere durch landwirtschaftliche Mähmaschinen getötet. Darunter etwa 90.000 Rehkitze.[1]Andreas Frey, Der Bauernverband macht Druck gegen jede Regel, die Tiere schützt (Interview mit Dr. Barbara Felde), … Weiterlesen Doch nicht nur die Wildtiere sind gefährdet, sondern auch die sogenannten Nutztiere im Stall: Denn wird ein Rehkitz bei der Mahd getötet und zerhackt, landen die zerstückelten Körperteile im gemähten Gras, mit dem andere Tiere ernährt werden sollen. Durch den Kadaver entstehen Giftstoffe, welche von den Tieren durch die kontaminierte Nahrung aufgenommen werden. Diese von Bakterien erzeugten Giftstoffe können beispielsweise bei Rindern tödliche Folgen haben.[2]BMEL, Rehkitzrettung: Förderung zur Anschaffung von Drohnen: … Weiterlesen

Mit Wärmebild-Drohnen Rehkitze retten

Als eine effiziente und vor allem effektive Methode hat sich in den vergangenen Jahren die Suche mit Wärmebild-Drohnen erwiesen. Solche Drohnen werden dazu in der Regel vor dem Sonnenaufgang eingesetzt, sodass sich in der kühlen Morgenluft leicht die warmen Körper der Rehkinder entdecken lassen. Das erspart nicht nur, engmaschig große Flächen abgehen zu müssen. Die Suche mit einem kontrastreichem Wärmebild gewährleistet auch, dass keine Kitze übersehen werden.

Neue Regelungen für den Drohneneinsatz in der Landwirtschaft und zur Tierrettung

Am 1. Januar 2024 traten mehrere Änderungen der EU-Drohnenverordnung (2019/947 und 2020/746) in Kraft. Dies betrifft nahezu alle Drohnen, einschließlich jener, die für die Rettung von Kitzen eingesetzt werden. Die neuen Regelungen sehen unter anderem eine Zertifizierung von Bestandsdrohnen vor. Nicht-zertifizierte Drohnen müssen danach einen Mindestabstand von 150 Metern zu Wohn-, Gewerbe-, Industrie- oder Erholungsgebieten einhalten. Dieses Zertifikat können Drohnen-Alt-Modelle in der Regel nicht bekommen. Da die bei der Rehkitzrettung zu untersuchenden Felder und Wiesen jedoch oft näher als 150 Meter an die zuvor genannten Gebiete angrenzen, hätte das dazu geführt, dass eine Absuche durch Drohnen rechtlich nicht mehr möglich gewesen wäre.

Eine Petition[3]Rehkitzrettung in Gefahr (auf Grund der neuen EU-Verordnung), https://www.change.org/p/rehkitzrettung-in-gefahr-auf-grund-der-neuen-eu-verordnung; zuletzt abgerufen am 22.05.2024). und einige Medienbeiträge[4]Bspw. in: Regelungswut der EU: Rettende Rehkitz-Ortung durch Drohnen wird illegal, https://www.trendsderzukunft.de/regelungswut-der-eu-rettende-rehkitz-ortung-durch-drohnen-wird-illegal/; zuletzt … Weiterlesen machten auf dieses Problem aufmerksam und erreichten unter anderem das Bundesverkehrsministerium. Mit einer Weisung an das Luftfahrt-Bundesamt hob man dort die Einschränkungen für die Landwirtschaft kurzfristig mittels Ausnahmeregelung auf.[5]BMDV, Neue Drohnenregeln: Bauern entlasten und Rehkitze schützen, https://bmdv.bund.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2024/015-wissing-bauern-entlasten.html (zuletzt abgerufen am 22.05.2024).

Die hierzu erlassene Allgemeinverfügung[6]LBA, Allgemeinverfügung für den Drohneneinsatz in der Landwirtschaft und zur Tierrettung, … Weiterlesen sieht seit dem 20.03.2024 vor, dass befristet bis zum 19.11.2024 in der Landwirtschaft und Tierrettung ausnahmsweise nur ein Mindestabstand gemäß der „1:1-Regel“ eingehalten werden muss. Dies bedeutet, dass der o. g. Mindestabstand auf 10 Meter reduziert werden kann, wenn die Drohne entsprechend niedrig fliegt. Dies ermöglicht den Betreiber:innen eine um über 90 Prozent größere Fläche für den Einsatz ihrer Drohnen. Die Rehkitzrettung kann daher vorerst weiter mit Drohnen durchgeführt werden.

Tipp für Drohnenanschaffung

Eingetragene Vereine, die in der Rehkitzrettung engagiert sind und dazu eine Drohne anschaffen möchten, können hierzu eine staatliche Förderung[7]BMEL, Rehkitzrettung: Förderung zur Anschaffung von Drohnen, https://www.bmel.de/DE/themen/digitalisierung/drohnenfoerderung-rehkitze.html (zuletzt abgerufen am 22.05.2024). beantragen. Die Förderquote wird auf 60 Prozent der Investitionskosten und die maximale Förderhöhe auf 4.000 Euro pro Drohne festgelegt. Pro Antragsteller:in wird im Jahr 2024 eine Drohne gefördert. Die Teilnahme an der Fördermaßnahme kann noch bis zum 14. Juni 2024 bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) beantragt[8]BLE, Bundesförderprogramm für Drohnen mit Wärmebildkamerasystem zur Rehkitzrettung 2024, https://www.ble.de/DE/Projektfoerderung/Foerderungen-Auftraege/Rehkitz/Rettung_node.html (zuletzt abgerufen … Weiterlesen werden.

Kann man Rehkindern auch ohne Drohne helfen?

Auch abseits eines Drohneneinsatzes gibt es einige Möglichkeiten, wie man Rehkitze schützen oder sichern kann. In diesem Beitrag finden Sie weitere Informationen zu den Methoden.

Bei der Sicherung der Rehkinder ist es absolut wichtig zu beachten, dass man sie unter keinen Umständen anfassen darf, weil die Rehmutter sie sonst möglicherweise nicht mehr annimmt. Als geeignet gilt die „Wäschekorb-Methode“. Hierbei wird ein Wäschekorb auf das Rehkitz gelegt und mit einer sichtbaren Fahne markiert. Somit können Landwirt:innen diese Markierung erkennen und um die Stelle herumfahren. Falls ein Umsetzen notwendig erscheint, sollten die Rehkinder am besten mit Handschuhen und nur mit Gras- oder Getreidebüscheln angefasst und in einem mit Gras ausgelegten Karton / einer Box in einen schattigen Platz umgesetzt werden. Nachdem die Arbeiten vorbei sind, kann es freigelassen werden. Die Rehmutter findet ihr Junges danach wieder, weil sie stets in der Nähe bleibt und seine Rufe wiedererkennt.

Müssen Landwirt:innen Rehkitze suchen?

Wenn Landwirt:innen es unterlassen, vor einem Mähvorgang Maßnahmen zu ergreifen, um Rehkinder ausfindig zu machen und diese dabei verletzt werden oder sogar sterben, so stellt das u. a.[9]Es kommt auch eine Strafbarkeit wegen Jagdwilderei i. S. d. § 292 Strafgesetzbuch in Betracht. einen Verstoß gegen § 17 Nr. 1 oder Nr. 2 b) Tierschutzgesetz (TierSchG) und damit eine Straftat dar, die mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft werden kann.

Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, ob es bekannt oder gar gewollt war, dass Rehkitze in der Wiese liegen und beim Mähen verletzt oder getötet werden. Wer pflichtwidrig Grasflächen mäht, ohne diese vorher auf Rehkitze abzusuchen und dabei Rehkitze verletzt oder gar tötet, nimmt diese Folgen billigend in Kauf und handelt damit auch vorsätzlich.[10]AG Böblingen, Strafbefehl, rechtskräftig seit 8.5.2020, 12 Cs 172 Js 60365/18. Solche Tierschutzstraffälle werden PETA regelmäßig gemeldet und von der Rechtsabteilung angezeigt.

Sind Rehkitze nun ausreichend geschützt?

Es wird begrüßt, dass das Bundesverkehrsministerium in Sachen Drohneneinsatz schnell reagiert und dadurch einen wichtigen Beitrag zur Rehkitzrettung geleistet hat.

Weiterhin zu kritisieren bleibt jedoch, dass die in § 13 Abs. 2 TierSchG enthaltene Rechtsgrundlage zum Erlass einer Rechtsverordnung zum Wildtierschutz weiterhin unberührt bleibt, obwohl die rechtliche Grundlage für diese Ermächtigung seit 1972 (!) besteht. Mit den in einer solchen Verordnung enthaltenen präventiv wirkenden Vorgaben sollten Wildtiere vor Schmerzen oder Schäden bewahrt werden,[11]Lorz/Metzger/Metzger, 7. Aufl. 2019, TierSchG § 13 Rn. 16. die ihnen regelmäßig aufgrund land- oder forstwirtschaftlicher Arbeiten drohen. Zwar hatte man beim Schaffen dieser Grundlage insbesondere den Schutz von Rehkitzen im Sinn[12]Hirt/Maisack/Moritz/Felde/Hirt, 4. Aufl. 2023, TierSchG § 13 Rn. 19. – tatbestandlich erfasst sie jedoch den Schutz aller Tiere i. S. d. § 2 Abs. 1 Bundesjagdgesetz (BJagdG).[13]Lorz/Metzger/Metzger, 7. Aufl. 2019, TierSchG § 13 Rn. 16.

Insofern wäre auch den regelmäßig betroffenen Feldhasen, Feldhamstern und Bodenbrütern – zumindest ein Stück weit – geholfen.

Das Strafrecht schützt Tiere nur begrenzt präventiv. Erst wenn ein Tier verletzt oder sogar tot ist, findet es Anwendung – also viel zu spät. Insofern müssten Vorgaben gemacht werden, die bereits zu einem früheren Zeitpunkt anknüpfen. Beispielsweise wäre eine Regelung für Landwirt:innen zu begrüßen, die sie dazu verpflichtet, einen oder zwei Tage vor dem beabsichtigten Abmähen einer waldnahen Wiese Jagdpächter:innen bzw. Jagdaufseher:innen über die geplanten Arbeiten zu informieren.[14]Hirt/Maisack/Moritz/Felde/Hirt, 4. Aufl. 2023, TierSchG § 13 Rn. 19. Eine Nichteinhaltung könnte dabei immer mit Sanktionen wie etwa Bußgeldern belegt werden – auch wenn gar kein Tier verletzt wurde.

Zwar enthielt der erste Referentenentwurf des Bundeslandwirtschaftsministeriums zur Novellierung des TierSchG aus dem Jahr 2023 eine Vorgabe, die das Mähen ohne Maßnahmen zum Schutz der Tiere auf Wiesen und landwirtschaftlichen Flächen verbieten sollte. Nach Anhörung der Verbände und einer Überarbeitung wurde im Februar 2024 der offizielle Referentenentwurf veröffentlicht – nun jedoch ohne jenen Passus zum Wildtierschutz in der Landwirtschaft.[15]Andreas Frey, Der Bauernverband macht Druck gegen jede Regel, die Tiere schützt (Interview mit Dr. Barbara Felde), … Weiterlesen Scheinbar werden die Interessen der Landwirt:innen (wieder einmal) dem Leben und der körperlichen Unversehrtheit der Tiere vorgezogen. Für den Tierschutz ist das fatal.

 

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Alina Gelzer ist seit Juni 2023 Teil des Rechtsteams bei PETA in Berlin und befasst sich schwerpunktmäßig mit tierschutzrechtlichen Themen.

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